Milka, der Barsoi des Zarewitsch
Den Menschen auf der ganzen Welt, die in ihrem Leben einmal die Zuneigung eines Barsois zu seinem Herrn kennengelernt haben, wird die Geschichte von Milkas Treue zu dem kränklichen Knaben, dem letzten russischen Zarewitsch, sicherlich nicht seltsam erscheinen.
Milka, der Name bedeutet "Geschwindigkeit" oder "Eile", war eine Barsoi-Hündin. Die Farbe ihres nachtdunklen Felles vereinigte sich leicht mit den Schatten der Hallen und Gängen der kaiserlichen Residenz, in der sie lebte.
Niemand fragte sie nach ihrem Recht, Tag und Nacht dorthin zu gehen, wo es ihr behagte.
Milka gehörte dem Zarewitsch, auf dem die ganze Hoffnung des russischen Volkes ruhte. Sie wurde von allen geachtet und geliebt - mit Ausnahme des Mönchs Rasputin.
Ihr tiefverwurzelter Instinkt ließ sie fühlen, daß er ein übler Mensch war, und nichts konnte sie von anderem überzeugen.
Als Rasputin den Raum betrat, in dem der Zarewitsch lag, erhob sich Milka von ihrem Platz an der Bettseite und begrüßte den Mönch mit kaltem Blick und drohendem Knurren.
Seine ihr hingehaltene Hand wurde hastig zurückgezogen, als ihre weißen Zähne sie um ein weniges verfehlten.
Rasputins tiefliegende Augen glühten voller Rache, doch er wagte es nicht, ihr etwas anzutun.
Der wahnsinnige Mönch wurde in jenen Tagen von der ganzen Adelsfamilie zutiefst gehaßt, ausgenommen die Zarin, deren Angst und Sorge um ihren einzigen Sohn sie blind machte für alles andere und taub gegenüber dem Muren derjenigen, die Rasputin als den falschen Menschen kannten, der er war.
Dieser hagere, derbknochige und bäuerische Mönch war die letzte Hoffnung der Zarin, dem Erben des russischen Thrones die Gesundheit wiederzugeben.
Es kam der Tag, an dem Milka aufsprang und Rasputin in das Gesicht biß, als er sich über den im Bett liegenden stöhnenden Knaben beugte.
Nicht mehr länger konnte Rasputin sein Rachegefühl beherrschen. Er forderte die Zarin auf, Milka aus dem Raum zu verbannen, oder er würde nie mehr zu ihrem Sohn kommen.
Erschreckt, ihr Sohn könnte ohne die Hilfe Rasputins sterben, befahl sie, Milka zu entfernen.
Diese Tat erregte tiefsten Unwillen zumal dem Prinzen Orloff und auch anderen der Werte eines beschützenden Barsois bekannt war.
Die Bitte, die Hündin im Zimmer zu belassen, und auch die Tränen des kleinen Sohnes der Zarin blieben ohne Erfolg- Milka mußte vor der Tür zu seinem Zimmer schlafen und nicht an der Seite seines Bettes.
Pläne wurden geschmiedet, Rasputin zu vernichten, aber man kam zu keinem Entschluß.
Obwohl Prinz Orloff Versammlungen abhielt, die auch von den Mitgliedern der kaiserlichen Familie besucht wurden, kam keine Einigung darüber zustande, wann, wie und wo diese Tat geschehen sollte.
Die Pläne hatten immer noch keine endgültige Gestalt angenommen , als eines Morgens ein schläfriger Diener, der das Feuer in den Zimmern des Zarewitsch hüten sollte, auf dem Wege zu diesem stolperte und - sein Feuerholz mit lautem Geräusch auf dem Boden zerstreuend - auszugleiten drohte.
Wieder sein Gleichgewicht erlangend, lief er angstschreiend durch die große kalte und widertönende Halle.
Vollkommene Stille war eingetreten, als der schnell versammelte Hofstaat schreckerstarrt vor Milka stand - die kalt und still mit durchschnittener Kehle im Blute ihres strahlenden Lebens vor ihnen lag.
Schnell und geheim verbreitete sich das Gerücht, das bekannt gab, daß Milkas Erzfeind Rasputin ihren Tod befohlen hatte.
Wer von seinen Henkern das Messer geführt hatte, ist niemals bekanntgeworden.
Bald darauf versammelten sich die Orloffs, wissend, daß die Zeit gekommen war, den wahnsinnigen Mönch umzubringen und damit Russland von dessen Herrschaft über die kaiserliche Familie zu befreien, und daß diese Tat in die Geschichte eingehen wird.
So geschah es, daß der Mörder eines Barsois den Funken der Revolution in Brand setzte, der rot und grausam über das heilige Rußland loderte und die Welt veränderte.
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